27. Mai 2011

20.15 Uhr: Eigentlich wollten Herr Neubert und ich nur auf den Schlossplatz gehen und eine Runde Frisbee spielen. Aber der Abend sollte sich ganz anders entwickeln.

20.30 Uhr. Eine junge, noch flugunfähige Nebelkrähe sitzt verängstigt und mich anfauchend unter einem Baum auf der Breiten Straße. Die Rabeneltern – wenn sie’s denn sind – krächzen weiter oben im Geäst.

20.39 Uhr. Wer von den Rabeneltern-Attacken in Berlin gelesen (2009, 2010, 2011) hat, schützt sein Haupt:

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20.40 Uhr. Nach kurzem Überlegen (was passiert mit einem Jungvogel, der auf einer Innenstadtstraße umherirrt und nicht höher als zwanzig Zentimeter fliegen kann?) wird die Adidas-Jacke als Krähennetz eingesetzt:

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20.41 Uhr. Der Jungvogel wird von mir in einer Astgabel abgesetzt:

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20.50 Uhr. Schlendernd gen Sonnenuntergang (ohne Vogel und auf der anderen Straßenseite):

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21.10 Uhr: Der Vogel sitzt noch immer ohne ihn versorgende Eltern einsam auf seinem Ast. Wieder kurzes Überlegen. Sollen wir ihn seinem Schicksal überlassen? Oder könnte es sein, dass der Vogel ohne sein schützendes Nest und ohne Futter in der Nacht vor Erschöpfung wieder vom Baum fällt und von einem Fuchs gefressen oder von einem Auto überfahren wird? Wir entschließen uns für ein erneutes Einfangen und den Transport zu mir nach Hause.

21.16 Uhr. Frisches Wasser für den Gast auf dem Sofa meiner Wohnung:

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Gegen 21.30 Uhr: Telefonat mit Vater Neubert (Wildtierexperte), der zu rohem Fleisch als Mahlzeit rät und unsere Idee, die Krähe nach Hause genommen zu haben, in Ordnung findet.

23.18 Uhr. Inzwischen ist der Gast sehr zutraulich:

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23.49 Uhr. Kaiser’s hat bis Mitternacht offen. Innerstädtische Wildtierfütterung mit frisch gekaufter Geflügelleber (und das passiert zwei Vegetariern!):

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Gegen Mitternacht: nach etwas Googlen wissen wir, dass unser Adoptivkind etwa drei bis vier Wochen alt sein muss, Ästling genannt wird und unter Umständen noch von seinen Eltern weiter versorgt worden wäre. Ich werde den Kleinen morgen früh an die Fundstelle zurückbringen, ein oder zwei Stunden warten und schauen, ob die Eltern auftauchen und sich ihres Kindes wieder annehmen. Töne hat der junge Gast allerdings die ganze Zeit keine von sich gegeben.

1.28 Uhr:

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2 Uhr: Der Kleene schläft nun seit zwei Stunden und scheint sich ganz wohl in seinem neuen Nest zu fühlen. Ich gehe jetzt auch schlafen und hoffe, er verwüstet mir bis morgen früh nicht meine Wohnung.