1. Juni 2013, 15.30 Uhr

Das Laufen tut mir gut. Die Bewegung tut mir gut. Die Regelmäßigkeit tut mir gut. Die parallel laufende Disziplin beim Essen tut mir gut (meine seit Anfang des Jahres steil nach oben gehende Gewichtskurve hatte sich schon abgeflacht und zeigt seit einer Woche wieder nach unten), das Nachdenken beim Laufen tut mir gut, Christa Wolf, die ich weiterhin beim Laufen höre, tut mir gut.

Heute wäre mein Vater 85 Jahre alt geworden. Mir schwirren den ganzen Tag schon immer wieder Gedankenfetzen über ihn und unser (vor allem wegen meines Schwulseins nicht immer gutes) Verhältnis durch den Kopf, auch über unsere Charakterähnlichkeiten, die vielleicht von unserer Geburtstagsnähe herrühren mögen – er am 1. Juni geboren, ich am 30. Mai, wir beide also Zwillinge.

Mit 48 hatte mein Vater seinen ersten schweren Herzinfarkt, den er fast nicht überlebt hätte. Ich bin nun 47 Jahre alt. In gut zehn Jahren werde ich in »überholen«. Er starb mit 58.

Christa Wolfs Aufzeichnungen treffen so oft in die Nähe meiner eigenen Gedanken. Heute ihre Notizen aus dem Jahr 1977, das war das Jahr nach dem ersten Herzinfarkt meines Vaters:

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[…] (die Frau in dem Bergmann-Film sagte, ich bin schon 34 …! Und ich bin 48, das heißt, obere Grenze der mittleren Generation.) […] Ist es nicht Selbsttäuschung, in meinem Alter immer noch die wichtigste Arbeit von der Zukunft zu erwarten?

Wie mag es meinem Vater mit 48 gegangen sein? Wie geht es mir mit 47? Eins ist mir klar: ich erwarte schon seit Jahren nicht mehr die wichtigsten Dinge des Lebens von der Zukunft. Im Gegenteil: ich schaue manchmal schon zurück und denke: es ist ganz okay, wie ich bisher gelebt habe. Natürlich gab es falsche Entscheidungen, es sind Dinge passiert, die nicht so toll waren. Aber ich bereue nichts wirklich. Was die Zukunft angeht: ich freue mich realistisch darauf, träume nicht von Dingen, die ich irgendwann machen muss, damit es mir dann gut geht, sondern sehe zu, dass ich vor allem den Moment gut erlebe.

Zitat und Foto aus:
Christa Wolf, Ein Tag im Jahr, 1960–2000, © Luchterhand 2003