26. September 2015

Bis vor ein paar Tagen wusste ich gar nicht, dass es tatsächlich noch Reste der Warschauer Gettomauer gibt. Ich las davon dieser Tage in einem Buch, das mir meine »kleine« Schwester geschenkt hatte. Ich merkte mir eine der Adressen (Westliche ulica Złota, Hausnummer 62) und dachte, wenn du da mal langfährst, guckst du dir das an.

Die Mauer liegt ziemlich versteckt in Hinterhöfen. Stünden am Straßeneingang zum ersten Hof und unterwegs nicht überall kleine (viersprachige – Polnisch, Englisch, Deutsch, Hebräisch) Hinweisschilder, man würde sie kaum finden.

18.10 Uhr. Dann stehe ich da:

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Vor mir eine Gruppe von Touristen mit einem Stadtbilderklärer. Der Hebräisch spricht.

Mir geht durch den Kopf, dass das von der Optik her auch ein sanierter Hinterhof in Prenzlauer Berg sein könnte. Dass sich die Bewohner des Hauses sicherlich über die neuen Balkongeländer gefreut haben. Dass es komisch ist, hier als Deutscher zu stehen und vor sich einer Gruppe von Israelis zu wissen. Dass es mich ein bisschen beruhigt, dass keiner meiner Großväter Nazi war (so ist zumindest mein Wissensstand). Dass es unvorstellbar ist, wie es hier vor 75 Jahren ausgesehen haben muss. Mir fällt Hannah Arendt und der von ihr geprägte Begriff der »Banalität des Bösen« ein.

18.12 Uhr. Einen Hof weiter sieht es noch surrealer aus:

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Ein sehr gepflegter Innenhof, ein Stück unverputzter Mauer, die an manchen Stellen von kleinen »Dächern« vor Witterung geschützt zu werden scheint. An den Fassaden der sanierten Wohnhäuser im Abstand von ein paar Metern zweisprachige Schilder (Polnisch und Englisch), man möge sich dich bitte nicht an die Hauswände lehnen.