14. Juni 2016

Wer die Bilder in meinem Blog in den letzten Tagen gesehen hat, wird bemerkt haben, dass ich – wie im vergangenen Jahr zur Parada Równości – erneut eine Regenbogenflagge auf meinem Balkon gehisst hatte. Sie ist seit Sonntagnachmittag wieder eingeholt.

Letztes Jahr sprach mich mein Vermieter etwa zwei Wochen nach der Parade an (der Vermieter wohnt nicht im Haus, er hat aber offensichtlich ständigen Kontakt zu mindestens einer Person im Haus), dass sich Nachbarn von der Flagge gestört fühlten. Ich habe nur die Stirn gerunzelt und damals schon gemeint, diese Nachbarn sollten mir das doch bitte direkt sagen. Er meinte noch, dass er mir natürlich nicht verbieten könne, eine Flagge auf den Balkon zu hängen, aber ich solle wissen, dass die Situation in Polen eine andere sei als in Deutschland und dass vor ein paar Jahren ein Schwuler in Warschau, der ebenfalls eine Regenbogenflagge an seiner Wohnung hängen hatte, eine kleine Brandbombe in seine Wohnung geworfen bekam.

Damit war das Thema für mich erledigt. Ich dachte vor einem Jahr: im Juni 2016 zur Parada Równości werde ich die Fahne wieder hissen.

Heute nun bekam ich eine E-Mail von meinem Vermieter. Sinngemäßer Inhalt (er schreibt mir immer auf Polnisch): Nachbarn hätten ihm wieder von der Flagge berichtet, ich solle an die Kirche gegenüber denken und die Flagge vom Balkon entfernen. Mein erster Gedanke: was soll das denn jetzt? Ich war im Arbeitsstress, habe ihm kurz geantwortet, dass ich die Fahne am Sonntag bereits wieder in die Wohnung genommen habe und nahm mir vor, ihm ausführlich zu antworten. Fünf Minuten nach meiner Antwort: erneute E-Mail. Es könne gar nicht sein, er hätte die Flagge vor 25 Minuten selbst gesehen.

Und tatsächlich: ich hatte zwar die große Stoff-Regenbogenflagge (im Format 200 × 140 cm) eingeholt, dafür aber eine kleine, 21 × 16 cm große, die in Massen auf der Demo selbst von einer polnischen Initiative (kph – kampania przeciw homofobii – Kampagne gegen Homophobie) verteilt wurde, in einen Blumenkasten gesteckt.

13.19 Uhr. Seht ihr sie, die kleine böse Regenbogenflagge?

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In den darauf folgenden dreißig Minuten erhielt ich nun noch eine E-Mail und zwei SMS, doch sofort die Flagge zu entfernen.

Zwischendurch habe ich einen befreundeten Warschauer (schwulen) Antwort Anwalt befragt, ob ich mir Stress einhandeln kann, wenn ich die kleine Flagge nicht einhole. Er meinte: Wohnung sei Privatraum, der Balkon gehöre dazu, ich könne damit machen, was ich wolle. Das würde auch in Polen wie Balkondekoration behandelt. Selbst die große Flagge (die er selbst auf meinem Balkon kennt) wäre kein Problem.

Ich bleibe also standhaft und werde meinem Vermieter demnächst einen langen Brief über Vielfalt, Respekt und Nicht-im-Schrank-leben-wollen schreiben.