25. August 2009. 21 Uhr
Auf dem Weg zurück nach Berlin. Bis Züssow fuhr ich mit der UBB. Jetzt bin ich in einen Regionalexpress aus Stralsund umgestiegen. Ich würde von mir behaupten, ein umsichtiger und rücksichtsvoller Mensch zu sein. Zumindest ein umsichtiger und rücksichtsvoller Bahnfahrer. Als dieser habe ich eben mein Rad im Zug im Zugabteil direkt neben ein anderes Rad gestellt. Dabei selbstredend darauf geachtet, dass mein Rad weder den Weg versperrt noch das andere Rad beschädigt. Kommt der Besitzer des anderen Rades an. Typ kurz behoster, besturzhelmter und Stoffbeutel tragender Sandalenträger. Etwa mein Alter. Schmale Lippen. Verbissener Gesichtsausdruck. Seine Stulle mampfend – also mit vollem Mund – verlangt er von mir, dass ich meine Satteltaschen vom Fahrrad nehme. Ich frage, warum. Es sei genug Platz. Und ich werde sie schon wegmachen, wenn noch Einer mit Fahrrad käme. Aber meine Satteltaschen drückten an seine Speichen. Ich: Entschuldigung, mein Fahrrad lehnt da nur ganz locker gegen. Außerdem sind in den Taschen Klamotten drin. Er bestehe aber drauf, dass ich meine Tasche zumindest auf einer Seite abmache. Er weiter seine Stulle mampfend. Ich: Sie können sich jetzt wieder setzen, ich mach die Taschen ab. Blieb der doch tatsächlich wie so ein Aufpasser stehen, bis ich meine Taschen abgemacht hab. Mit schlecht gelauntem Gesicht. Bestimmt ein SPD wählender Lehrer, der schon zu lange keinen Sex hatte und auch sonst wenig Freude am Leben hat.
Nachtrag: Jetzt hat er – ich hab ihn leider schräg gegenüber im Blickfeld – seine Sandalen ausgezogen, hat seine käsigen Füße samt fast unbehaarter blasser Beine auf den Sitz gegenüber gelegt und popelt sich genüsslich in den Ohren und krümelt seinen Ohrenschmalz auf den Boden. Super.
Mir kommt mal wieder Christa Wolf in den Sinn. “Allmählich entsetzt man sich, wie Leute leben.” Im Original schreibt sie, “wie Leute wohnen”. Das Entsetzen bleibt.
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